Psychologische Praxis
Dr. phil. Andreas Leuenberger

Bern und Thun, Telefon 031 332 17 67

Hier eine Geschichte der amerikanischen Therapeutin Rachael Naomi Remen:
In meine Praxis kam ein Mann mit Knochenkrebs. Um sein Leben zu retten, wurde sein Bein von der Hüfte ab amputiert. Er war 24 Jahre alt, als ich mit ihm zu arbeiten begann, und voller Ärger und Bitterkeit. Er empfand grosse Ungerechtigkeit und tiefsitzenden Hass gegenüber allen Gesunden, weil es ihm so unfair schien, dass er diesen schrecklichen Verlust so früh im Leben erleiden musste.

Mit Hilfe von Malen, Visualisieren und Tiefenpsychologie arbeitete ich mich mit diesem Mann durch seinen Kummer und seine Wut hindurch. Nach über zwei Jahren stellte sich ein durchgreifender Wandel ein. Er begann, «aus sich selbst herauszugehen». Später begann er, andere Leute zu besuchen, die schwere körperliche Verluste erlitten hatten, und er erzählte mir von diesen Besuchen die wundervollsten Geschichten.

Einmal war er bei einer jungen Frau zu Gast, die ungefähr in seinem Alter war. Es war ein heisser Tag in Palo Alto, und er trug Jogging-Shorts, so dass seine Beinprothese zu sehen war, als er in ihr Zimmer im Hospital kam. Die Frau war zutiefst deprimiert, weil sie beide Brüste verloren hatte, und sah ihn nicht einmal an, blieb völlig teilnahmslos. Die Krankenschwestern hatten das Radio angelassen, wohl um sie aufzumuntern. Verzweifelt bemüht, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, schnallte er sich das Bein ab, um sodann auf einem Bein im Zimmer umherzutanzen, wobei er zur Musik mit den Fingern schnipste. Sie sah ihn entgeistert an, brach dann in ein schallendes Lachen aus und sagte: «Mensch, wenn Sie tanzen können, kann ich singen.»

Ein Jahr danach setzten wir uns zusammen, um Rückschau über unsere gemeinsame Arbeit zu halten. Er sagte, was für ihn bedeutsam war, und ich fügte das hinzu, was ich in unserem Prozess für bedeutsam hielt. Als wir über unsere zwei Jahre Arbeit zurückblickten und ich seine Akte öffnete, kamen mehrere Zeichnungen zum Vorschein, die er anfangs gemacht hatte. Ich gab sie ihm. Er sah sie an und sagte: «Ach, schau dir das an.» Er zeigte mir eine seiner ersten Zeichnungen, als ich vorgeschlagen hatte, ein Bild seines Körpers zu malen. Er hatte damals eine Vase gemalt, durch die ein tiefer schwarzer Sprung verlief. Das war das Bild für seinen Körper und er hatte den Riss mit einem schwarzen Stift immer wieder übermalt, mit wutknirschenden Zähnen. Es war sehr schmerzhaft, weil es ihm schien, dass diese Vase niemals wieder als Vase funktionieren könne. Sie würde niemals Wasser halten können.

Nun, einige Jahre danach kam er zu diesem Bild, sah es und sagte: «Oh, es ist noch nicht fertig.» Und ich reichte ihm die Schachtel Malstifte hin: «Warum machst du es nicht fertig?» Er wählte einen gelben Stift und während er mit dem Finger auf den Riss zeigte, sagte er: «Siehst du, hier – wo der Bruch ist – hier kommt das Licht durch.» Mit dem gelben Stift malte er, wie das Licht durch den Bruch in seinem Körper ausströmte. An unseren Bruchstellen können wir stark werden.

Verschiedene Ansichten über das Heilen seelischer Wunden sind verbreitet; einige von ihnen beruhen auf Missverständnissen und können bei traumatisierten Menschen grossen Schaden anrichten:

Das positive Denken:

Es wird empfohlen, täglich positive Gedanken zu sich selber zu sagen wie: 'Ich bin wertvoll', oder 'Ich bin gesund, alle Probleme lösen sich von selbst'. Die Idee dahinter ist, dass das Unterbewusstsein diese Überzeugungen nach und nach aufnimmt und glaubt und so alle Probleme gelöst werden können.

Traumatisierte Menschen haben aber in ihrem Unterbewusstsein abgespaltene Anteile ihrer Persönlichkeit, die traumatische Erinnerungen tragen. Da beides, die Anteile und die Erinnerungen, von der restlichen Persönlichkeit abgespalten ist wie Äste von einem Baum, bleiben sie unberührt von allen positiven Affirmationen. Traumatisierte Menschen versuchen dann verzweifelt, dass sie durch positives Denken gesund werden, aber von innen her kommt immer wieder das Gift der unverarbeiteten Traumata.

Es ist wie bei einem Haus, dessen Erdgeschoss und die oberen Stockwerke von positiven Gedanken schön durchlüftet werden, aber im Keller sind die noch eingesperrten verletzten inneren Kinder mit ihren belastenden Erinnerungen, und kein frischer Luftzug gelangt hinab zu ihnen. Sie müssen gefunden, herausgeholt und erlöst werden. Was sie erlebt haben, wartet darauf, realisiert und integriert zu werden.

Das Loslassen und nach vorne Schauen

"Man kann an der Vergangenheit nichts mehr ändern, schau besser nach vorne."

Traumatisierte Menschen sind empfänglich für diese Idee, denn sie möchten lieber nichts mehr zu tun haben mit ihren traumatischen Erinnerungen. Aber solange diese Erinnerungen nicht verarbeitet sind, holen sie die Betroffenen immer wieder ein. Um also möglichst rasch loslassen und nach vorne schauen zu können, gibt es keinen besseren Weg als die belastenden Erinnerungen möglichst schonend zu verarbeiten.

Denn an der Vergangenheit können wir tatsächlich nichts mehr ändern, wohl aber an unseren Erinnerungen an sie.

Alte Wunden heilen lassen ohne zu wissen, was genau geschah:

Manchmal möchten sich traumatisierte Menschen einfach entspannt hinlegen und vom Therapeuten oder der Therapeutin ihre seelischen Wunden heilen lassen. Sie glauben vielleicht, gesund werden zu können ohne zu wissen, was früher geschah. Der Therapeut oder die Therapeutin löse es für sie, indem er oder sie die traumatischen Erinnerungen lösche oder umprogrammiere.
Das kann so nicht klappen, denn zu den alten Wunden gehören innere Kinder, die darauf warten, von der erwachsenen Person gefunden zu werden und ihr zeigen zu können, was sie erlebt haben.

Ohne Vergebung keine Genesung:

Spirituell orientierte Therapeuten und Therapeutinnen sind in der Regel überzeugt, dass seelische Wunden jeglicher Art nur heilen können, wenn die traumatisierte Person alles verzeihen könne und den Täter von jeglicher Schuld freispreche.
Diese Überzeugung teilen sie auch Patienten und Patientinnen mit, die sexuelle Gewalt erfahren mussten. Diese versuchen dann zu verzeihen und geraten so in noch tiefere Schuld- und Schamgefühle, wenn sie bemerken, dass ihnen dies nicht gelingen kann.
Sexuelle Gewalterfahrungen können restlos verarbeitet werden ohne dem Täter zu verzeihen. Am Schluss sind die alten Gefühle von Angst und Scham, von Trauer, Wut und Hass gelöst. Das frühere Opfer fühlt sich frei und trägt dem Täter nichts mehr nach. Nur darauf kommt es an, um die Erinnerungen loslassen zu können und ein von alten Wunden befreites neues Leben zu finden.

Rituale für das innere Kind
In einem Workshop hat eine Teilnehmerin sich und ihr inneres kleines Kind in weissem Lehm geformt. In der Lehmfigur hält sie ihr inneres Kind liebevoll in ihren Armen. Die Tiere an ihrer Seite symbolisieren Teile ihrer Persönlichkeit: die Schildkröte ist ihre ängstliche Seite, die hervorkommt, wenn sie Herausforderungen vermeidet; die Spinne steht für ihre mutige Seite, mit der sie sich wenn nötig auch wehren und abgrenzen kann. In einer Imagination, einer geführten Reise in die innere Bilderwelt, ist sie dem weisen und bescheidenen König begegnet, der ihr auf ihre wichtigen Fragen eine wertvolle Antwort gibt und ihr als innerer Beistand nahe steht. Mit all diesen Figuren tritt die Frau in ihrem Ritual ihrer verstorbenen Grossmutter gegenüber. Die Grossmutter-Puppe steht jenseits der Grenze. Sie war für sie als Kind ein sehr wichtiger Mensch. Nach 50 Jahren spricht die Frau wieder zu ihr und dankt ihr. So sammelt sie im Ritual viele ihrer stärksten Ressourcen und bündelt sie wie ein Lichtstrahl vom inneren Kind bis zum Tod, der sich als Schwelle, aber nicht als ein Ende zeigt.

In einer Imagination wandert eine Teilnehmerin mit dem kleinen Mädchen, das sie einmal war, einem Fluss entlang zurück bis zu seiner Quelle. Dort fliegt von den Bergen her eine uralte Adlermutter auf sie beide zu und gibt dem kleinen Mädchen eine goldene Kugel. Diese Adlermutter entsteht danach als Puppe mit viel Schwarz und Blau. Die Frau sehnt sich tief innen nach ihren Eltern, die sie schon als Kind verloren hat. In einer Aufstellung fliegt die Adlerpuppe zwischen den Eltern und der Frau hin und her. Diese spürt den Wunsch, sich nun auf ihrem Schiff in ihr eigenes Leben hinauszuwagen. So steht der Hase, sie selbst, auf seinem Boot, bereit zur Fahrt, und die Adlermutter ist dabei als weise Führerin.Ein Mann fühlt sich tiefgreifend unsicher. Er glaubt fest, dass andere Menschen ihn als komisch und minderwertig beurteilen. Deshalb geht er in seiner Freizeit kaum aus dem Haus und hat keine nähere Beziehung zu einer Frau. Die Botschaft, er sei ungenügend und minderwertig, hat er seit seiner Kindheit verinnerlicht. In der Therapie erkennt er langsam, dass er nicht von Natur aus minderwertig ist. Er erkennt, dass er nur dann auf Andere komisch wirkt, wenn er glaubt, minderwertig zu sein. Als Hausaufgabe führt er abends folgendes Ritual durch: den Teil von sich, der über ihn so schlecht urteilt, setzt er aus sich heraus auf einen Stuhl. Die Verinnerlichung macht er rückgängig. Mit dem kleinen Bub in sich, den er als Puppe an seiner Brust hält, geht er seinen Weg und spricht mit dem verachtenden Teil auf dem Stuhl. Er sagt ihm zum Beispiel: "Ich habe Dich verinnerlicht. Ich wirke nur komisch auf Andere, wenn ich an Deine verachtenden Worte glaube. Du gehörst nicht zu mir. Ich setze Dich jetzt aus mir heraus..." Und er spricht zum kleinen Buben, erklärt ihm, dass diese abwertende Botschaft nicht stimmt, sagt ihm, wie gut und wertvoll er ist, und erzählt ihm, was sie jetzt unternehmen werden, um erfüllter zu leben.